Montag, November 12, 2012

Skyfall (Sam Mendes, 2012)


Ich kehre noch einmal zu diesem langverlassenen Blog zurück, um die schöne Tradition der Craig-Bond-Reviews fortzuführen, die ich hier begonnen habe. Nur ganz kurz.

Während Casino Royale mich hellauf begeistert hat, war Quantum of Solace für mich wieder ein "typischer" Bond-Film, was so viel heißt wie: ein halbwegs vergnüglicher, aber schnell vergessener Actionfilm, dessen Figuren - inklusive des Hauptprotagonisten - mir die ganze Zeit über komplett fern bleiben. Casino Royale hat mir deshalb gefallen, weil es nicht nur über sämtliche Bilder und Tropen verfügte, die die 007-Filme zu dem machen, was sie sind - exotische Lokalitäten, ein interessanter Gegenspieler, genussvoll übertriebene Action-Set-Pieces, schöne Frauen, teuere Kleidung, ein Casino -, sondern auch weil der erstmalig von Daniel Craig verkörperte Agent einen richtigen, befriedigenden Character Arc hatte und weder physisch noch psychisch komplett unverwundbar schien. Der Film war ausladend, hatte aber Fokus. Alles mündete in eine brilliante finale Szene, in der schließlich klar wurde, wie effektiv und erstaunlich subversiv man die Bond-Figur hier rekontextualisiert und an ihren literarischen Ursprung zurückgeführt hat - als zynischen Psychopathen, dessen ganze Effizienz als Tötungswerkzeug darauf basiert, dass er, wie man im Internet sagen würde, butthurt ist.

Nun also Skyfall. Um es kurz zu machen, Skyfall übertrifft nicht nur Quantum of Solace und Casino Royale, sondern hebt die gesamte Reihe auf eine neue Ebene. Ja, Casino Royale war ein herausragender Bond-Film, Skyfall jedoch ist ein herausragender Film. Er verfügt über all die vorhin erwähnten Grundelemente des Bond-Mythos, schafft aber darüber hinaus, ein ästhetisch wie inhaltlich brilliantes Stück Kino zu sein. Nicht nur gelingt es, die perfekte Balance zwischen dem "klassischen" Bond mit seinen etwas altmodischeren und campigeren Elementen und dem physischen, persönlichen, gritty modern-day Bond zu finden, Skyfall schafft es zudem, diesen Konflikt selbstreferentiell und subtextuell zu verhandeln, und das auf eine verblüffende, streckenweise wahnwitzig-absurde Art.

Von der obligatorischen Pre-Credits-Action-Sequenz an ist außerdem eines klar: Visuell spielt dieser Film in einer anderen Liga als sämtliche seiner Vorgänger. Mit Sam Mendes ist zur Abwechlsung einmal ein echter Filmemacher im Regiestuhl, und Kamermann Roger Deakins gilt nicht umsonst als einer der größten lebenden Hollywood-DPs. Formal Interessantes von einem 007-Film zu erwarten, wäre mir nie in den Sinn gekommen - da war die expressionistisch angehauchte Schwarz/Weiß-Sequenz zu Beginn von Casino Royale schon das Höchste der Gefühle -, aber Skyfall ist durch und durch ein Bond-Film für Cinephile.

Und damit lasse ich huge stairways down to the ocean wieder in sein nasses Grab hinabsinken. Im Unterschied zu James Bond wird er dort vermutlich auch bleiben.

Sonntag, Oktober 10, 2010

The Social Network (David Fincher, 2010)


Wenn man an David Finchers Hollywood-Romantisierung der Gründungsgeschichte von Facebook etwas aussetzen kann, dann ist es eben das: Hollywood-Romantisierung. Oder, wenn man so will, Hollywood-Zynismus. Man braucht sich nichts vormachen: Ruhm, Reichtum und Erfolg werden wie eh und je mehr fetischisiert als reflektiert, Ambivalenz erscheint mehr als Strategie zur Maximierung der Breitenwirkung als zur narrativen Offenheit, und zugunsten der nötigen dramaturgischen punches schreckt man vor dem Wühlen in klassischen Genretopoi und -klischees nicht gerade zurück. Das hätte in aalglatter Langeweile enden können, doch was The Social Network an Überraschungen und subversiven Untertönen fehlt, das macht es durch schiere Kunstfertigkeit wieder wett.

Nicht nur Aaron Sorkins (A Few Good Men, The West Wing) durchwegs cleveres und pointiertes Skript sorgt dafür, dass das Filmgeschehen stets vergnüglich, fesselnd und interessant bleibt, auch visuell ist The Social Network ein wahrer Genuss. Fincher mag sein exzentrisches braun-gelb-grünes Farbschema seit Alien 3 nicht geändert haben, aber sein Umgang mit Komposition und Rhythmus ist mittlerweile so virtuos, dass er sich sogar technische Kunststücke wie eine spekatuläre Tilt-Shifting-Regatta-Sequenz oder ein digital erstelltes Zwillingspaar erlauben kann, ohne dass es gimmickhaft wirkt. Einen großen Anteil am Rythmus und der Energie des Films hat auch der fantastische Score von Trent Reznor und Atticus Ross mit seinen mal kühlen elektronischen, mal verzerrt-kraftvoll brodelnden, mal sanft melancholischen Klängen.

Und abgesehen von den formalen Stärken von The Social Network ist es interessant, einen Film zu sehen, der im Wesentlichen den Formalien des Hollywood-Biopic entspricht, sich aber aktiv bemüht einen aktuellen Zeitgeist und neue wirtschaftliche und soziale Modelle einzufangen, anstatt vergangene Jahrzehnten und Jahrhunderte nach historischen Umbrüchen und einflussreichen Persönlichkeiten zu durchwühlen.

Foto: Merrick Morton - © 2010 Columbia Tristar Marketing Group, Inc. (Quelle: IMDB)

Sonntag, September 26, 2010

Kristallkugel: Mein Metacritic-Voraussagen für den Videospiel-Herbst

Auf NeoGAF hatte jemand die im Grunde vollkommen sinnlose und bescheuerte, aber irgendwie doch witzige Idee, einen Thread mit Metacritc-Vorhersagen zu eröffnen. Da der kommende Herbst so voll mit spannenden Videospiel-Releases ist, habe ich mich entschlossen, ebenfalls meine Kristallkugel anzuwerfen und ein paar Tipps abzugeben, zumindest für die Titel, die mich persönlich interessieren.

Um es klar zu machen: Die folgenden Vorhersagen spiegeln nicht meine persönlichen Erwartungen wider, sondern ausschließlich den geschätzten Metacritic-Score - wie bei einer Wette. Es geht dabei eher um die allgemeine Vorhersehbarkeit der Videospielpresse, als um den tatsächlichen Wert der Spiele.

Wenn es mehrere sich voneinander unterscheidende Versionen gibt, ist in Klammern die angeführt, die ich meine.

Epic Mickey: 83
Donkey Kong Country Returns: 87
Rock Band 3 (PS3/360/Wii): 92
Sonic Colours (Wii): 79
Sonic The Hedgehog 4: Episode 1: 77
Fallout: New Vegas: 84
GoldenEye 007 (Wii): 85
Kirby's Epic Yarn: 82
Need For Speed: Hot Pursuit (PS3/360/PC): 86

Dienstag, Oktober 27, 2009

Ddongpari / Breathless (Yang Ik-Joon, 2009)


Mein erster Film auf der diesjährigen Viennale (von der Retrospektive abgesehen) kommt aus Südkorea, einem Land, dem ich seit einiger Zeit so gut wie blind vertraue, wenn es um Filme geht. Und daran ändert sich auch mit Ddongpari nichts.

Es handelt sich um das Regiedebüt von Yang Ik-Joon, der auch produziert, das Drehbuch geschrieben und die Hauptrolle übernommen hat, und ist die Geschichte eines extrem bösartigen und gewalttätigen Geldeintreibers und seiner bizarren Freundschaft zu einem jugendlichen Mädchen. Von der ersten Szene an ist klar, dass der Film in einer brutalen, unmenschlichen Welt spielt, voll mit Menschen, die unter ihren Lebensumständen leiden und den dadurch ständig präsenten Schmerz, Frust und Druck durch Gewalt an anderen ablassen - ein unendlicher Zyklus, der alle Lebensbereiche durchdringt. Passend dazu zeigt die Kamera raue, verwackelte Bilder und Filmmusik wird sehr sparsam eingesetzt, um die seltenen zärtlichen Momenten hervorzuheben.

Trotzdem ist Ddongpari (wörtlich übersetzt bedeutet der Titel übrigens "Dungfliege") eine emotionale, charakterbasierte Geschichte, und tappt dabei in die ein oder andere Klischee- bzw. Konventionsfalle hinein. So kann man sich nach der ersten halben Stunde den restlichen Plot des Films im Groben ausrechnen, und einige Sequenzen wie Rückblenden werden etwas unsubtil und einfallslos umgesetzt. Von diesen paar Stolpersteinen abgesehen kann der Film im Großen und Ganzen jedoch durchgehend mitreißen, vor allem dank der starken Performances und Dialoge, in denen zwischen Fluchtiraden im Maschinengewehrtakt auch immer wieder subtiler Humor durchblitzt.

Donnerstag, September 10, 2009

Requiem For A Dream (Darren Aronofsky, 2000)


Spoiler voraus.

Da wir den September 2009 schreiben und somit bald nicht nur eine Liste der Lieblingsfilme des Jahres, sondern auch des Jahrzehnts ansteht, habe ich begonnen, mir wichtige Filme der "Naughties" vorzunehmen, die ich bis jetzt versäumt hatte. Einer dieser Filme ist Darren Aronofksys Requiem For A Dream, den ich mir vorgestern also zum ersten Mal angesehen habe. Von seinen Nachwirkungen habe ich mich noch immer nicht ganz erholt.

Dass der Film mich doch derartig beeindrucken konnte, ist bemerkenswert angesichts dessen wie viel ich im Vorfeld bereits über ihn wusste. Sogar die berüchtigte Höhepunktsequenz kannte ich bereits aus einer Lehrveranstaltung (der Kontext war sowas wie: "Jep, die Schnittfrequenz in Hollywoodfilmen ist heute höher als vor sechzig Jahren."). Aber die gnadenlose Konsequenz, Radikalität und spürbare Wut und Leidenschaft des Filmemachers hat mir dann doch imponiert.

"In the end it's all nice", sagt die von Ellen Burstyn gespielte Sara Goldfarb in den ersten Minuten, bevor der Titel des Films auf sie niederrummst wie ein tonnenschweres Stahltor. Wie eine schneidge, gut geölte Maschine dreht der Film seine Figuren durch den Fleischwolf, bis jede von ihnen in ihrer persönlichen Hölle gelandet ist. Dann lässt er den Abspann laufen. Keine Erlösung. Are you not entertained?

Von manchen Seiten wurde Aronofsky für seine Inszenierung als zynischer Formalist gebrandmarkt, was in meinen Augen ein Missverständnis ist. Die Inszenierung ist eine hochgradig zynische, ja, aber erst dadurch charakterisiert sie überhaupt die Welt und Gesellschaft, die sie angreift, in all ihrer Brutalität und Falschheit. Natürlich könnte man das als simplifiziert bezeichnen - ich bezeichne es als fokussiert. Die Form ist hier Ausdruck, nicht Blendwerk.

Aber ebenso ist es zu kurz gedacht, Requiem For A Dream als neunzigminütigen "Drugs are bad"-Spot wahrzunehmen, auch wenn er als solcher sicher verdammt gut funktioniert. Im Kern geht es gar nicht um Drogen, diese sind lediglich ein Symptom. Es geht um Versprechungen des schnellen Glücks im Allgemeinen, sei es durch Drogen, durch das Fernsehen, durch Konsum, durch Diäten, durch wirtschaftliche Selbständigmachung. Es geht um eine Gesellschaft, die auf dem Versprechen basiert: "Wenn du diese eine Sache erst einmal getan hast, wird für immer alles anders", und wie auf diese nur der totalen Ausbeutung dienenden Lüge konsequent zu folgen letztendlich in eine Katastrophe führen muss.

Natürlich ist es nicht die originellste oder komplexeste Botschaft. Die verlogenen Mechanismen des "American Dream" zu kritisieren, war vermutlich schon ein ausgelutschtes Thema, als 1978 Hubert Selbys Buchvorlage zu dem Film erschienen ist. Aber wen interessiert schon, was ein Künstler zu sagen hat? Wie er es sagt, darum geht es. Und das "wie" in Aronofskys Requiem For A Dream muss man einfach erlebt haben.

Oh, und Clint Mansells Score? Hammer.

Montag, Juli 13, 2009

Morrissey im Gasometer

Das hätte ich ja auch nicht gedacht, dass ich mal ein Morrissey-Konzert erleben würde, aber letzten Samstag war der Oscar Wilde der Popmusik tatsächlich in Wien, ganz ohne auf einem Festival zweite Geige für Muse oder Wir sind Helden spielen zu müssen. Angeblich wollte er in der Arena nicht auftreten, aufgrund ihrer Vergangenheit als Schlachthof - so gab es dort eben David Byrne zu sehen, während Mozzer den Gasometer bespielte.

Alles an dem Abend war extrem pünktlich, die Vorband Doll & The Kicks begann schon zu spielen, bevor wir überhaupt noch in der Halle waren, und auch Morrissey selbst war schneller auf der Bühne als man "Why pamper life's complexity when the leather runs smooth on the passenger seat?" sagen konnte. Sehr schön war auch das Intro: Statt dass beim Bühnenumbau zwischen Vorband und Hauptact öde Hintergrundmusik vom DJ aufgelegt wurde, gab es Filmausschnitte zu sehen wie eine Pressekonferenz mit Lou Reed oder einen Fernsehauftritt der New York Dolls - ein tolle Einstimmung.

Schließlich fiel der Vorhang und Morrissey eröffnete mit einer rockigen Version von This Charming Man. Ein passender Einstieg, denn der Anteil an Smiths-Songs war erfreulich hoch, wenn auch vielleicht etwas ungleich verteilt - im ersten Drittel war fast jedes zweite Lied ein Smiths-Klassiker, was ein wenig zu einem "Pulver zu früh verschossen"-Effekt führte. Das letzte Drittel war für mich eine leichte Durststrecke, und die Zugabe First Of The Gang To Die konnte nach den Hämmern vom Anfang dann auch niemanden mehr vom Hocker reißen.

Die komplette Setlist:

* This Charming Man
* I Just Want to See the Boy Happy
* Black Cloud
* How Soon Is Now
* Irish Blood English Heart

* Ask
* I'm Throwing My Arms Around Paris
* Girfriend In A Coma
* When I Last Spoke To Carol
* Why Don't You Find Out For Yourself
* Some Girls Are Bigger Than Others
* Let Me Kiss You
* One Day Goodbye Will Be Farewell
* Life Is A Pigsty
* The World is Full of Crushing Bores
* Sorry Doesn't Help
* Please Please Please Let Me Get What I Want
* The Loop
* I'm O.K. By Myself
* (Zugabe) First Of The Gang To Die

Die Strecke How Soon Is Now - Irish Blood English Heart - Ask darf wohl zumindest für mich als eindeutiger Höhepunkt bezeichnet werden, besser wurde es dann einfach nicht mehr.

Ein wirklich schöner Moment war, als Morrissey von einem weiblichen Fan eine alte Vinyl-Single in die Hand gedrückt bekam. Es handelte sich um eine wirkliche Obskurität: ein portugiesischer Druck von Pomme Pomme Pomme von Monique Melsen - das Lied Luxemburgs für den Eurovision Song Contest 1971 und Morrisseys Lieblingssong. Da war er sichtlich beeindruckt und gerührt.

Ingesamt hat man zwar gemerkt, dass Morrissey vom Touren ziemlich erschöpft ist, eine gute Show hat er dennoch geboten. Am Ende meinte er nur noch "Thank you for your patience... We've been throught 58 countries in two weeks. I'm just glad I made it through the night without any reference to that horrible song by Ultravox." Jep, das ist mal Lokalbezug mit Stil.

Donnerstag, Mai 21, 2009

Banshun / Später Frühling (Ozu Yasujiro, 1949)


In den 108 Minuten von Banshun passiert auf der puren Plotebene so gut wie nichts: Eine 27-jährige Frau lebt mit ihrem Vater zusammen. Ihr Vater und ihre Tante drängen sie zu heiraten. Sie heiratet. That's it. Keine Verwicklungen, keine Missverständnisse, keine Nebenstränge. Abgesehen von vielleicht einem Detail, aber das möchte ich hier nicht vorwegnehmen.

Nach Tokyo Monogatari (Die Reise nach Tokio) ist Banshun der zweite Film vom neben Kurosawa vielleicht größten japanischen Regisseur Ozu, den ich gesehen habe. Und ich merke bereits, seine Filme haben einen ganz eigentümlichen Rhythmus und eine Art des Erzählens, wie sie mir bisher in der Form eigentlich so gut wie noch nie untergekommen ist. Sehr gewöhnungsbedürftig, weil extrem langsam, zurückhaltend und subtil, aber auch durchaus lohnend und auf eine Art befreiend.

Es war die Schlussszene dieses Films, die mich endgültig von Ozu überzeugt hat. Eine der brilliantesten, schönsten und bewegendsten Schlussszenen, die ich je in einem Film gesehen habe. Und auch hier kann ich erzählen, was darin passiert, ohne irgendetwas zu ruinieren: Ein Mann schält einen Apfel. Und es ist großes Kino.

Ich war mir zum Schluss nicht ganz sicher, ob Ozu den im Film gezeigten Prozess verurteilt oder ihn als zwar schmerzhaft aber notwedig verteidigt. Jedenfalls sähe der Film wohl anders aus, wenn Mizoguchi ihn inszeniert hätte, der immer wieder sehr deutlich die Rolle der Frau in der japanischen Gesellschaft kritisiert hat. Vielleicht kann man Ozu auch einfach nicht auf diese Weise interpretieren, sondern muss etwas tiefer in der japanischen Mentalität graben - immerhin wird Ozu immer wieder als "japanischster aller Filmemacher" bezeichnet. Es gibt da beispielsweise den Begriff mono no aware, der oft mit ihm in Zusammenhang gebracht wird und eine Art ruhiges, melancholisches Bewusstsein der Vergänglichkeit der Dinge beschreibt. Damit kommt man der Sache wohl schon näher.

Dienstag, Mai 12, 2009

Synecdoche, New York (Charlie Kaufman, 2008)


Charlie Kaufman ist mit seinen ungewöhnlichen Drehbüchern (Being John Malkovich, Adaptation, Eternal Sunshine of the Spotless Mind) seit Jahren eine feste Größe im amerikanischen Film. Mit Synecdoche, New York hat er nun nicht nur sein neuestes Skript, sondern auch gleichzeitig sein Regiedebüt vorgelegt.

Das Ergebnis ist wie von Kaufman gewohnt ein Labyrinth aus mehreren Realitätsebenen und beschäftigt sich dabei mit Themen wie Kunst, Beziehungen und dem Älterwerden. Im Mittelpunkt steht der Theaterregisseur Caden Cotard, gespielt von Philip Seymour Hoffman, der nach dem Gewinn eines hoch dotierten Preises ein monumentales Stück inszenieren will und dazu über Jahrzehnte hinweg einen ganzen New Yorker Stadtteil in einer riesigen Lagerhalle originalgetreu nachbauen lässt.

Beim Ansehen des Films habe ich allerdings etwas bemerkt, was ich für mich persönlich mal "Woody Allen-Syndrom" nennen möchte, nämlich dass mir bestimmte Kaufman-ismen beginnnen, auf die Nerven zu gehen, weil sie einfach in jedem Film wieder auftauchen: Alle Figuren sind depressiv, erbärmlich und hassen sich gegenseitig, alle Beziehungen müssen scheitern, alle rauchen ständig Marihuana und haben schlechten Sex. Und es war noch nie so ausufernd und ermüdend wie hier. Ich glaube deshalb mag ich Eternal Sunshine of the Spotless Mind so gern: Michael Gondrys lebensfroher und kindlich-verspielter Optimismus war einfach ein perfektes Gegengewicht zu Kaufman. Jetzt führt Kaufman jedoch selbst Regie; John Malkovich betritt also seinen eigenen Kopf, und das Ergebnis davon kennen wir ja.

Trotzdem: Synecdoche, New York ist ein äußerst faszinierender, vielschichtiger und lohnender Film. Denn bei aller Kritik - dass Kaufman ein kreatives Genie ist, kann ich nicht wirklich abstreiten.

In Österreich kommt der Film übrigens nicht einmal regulär ins Kino. Aber es gibt zwei Vorstellungen im Wiener Filmmuseum, eine davon in Anwesenheit von Philip Seymour Hoffman.

Freitag, Mai 08, 2009

Misseu Hongdangmu / Crush and Blush / Miss Carrot (Lee Kyoung-mi, 2008)


Aus irgendeinem Grund sind mir so richtig durchgeknallte, exzentrische Frauen, die ihre Fehler und Schwächen gar nicht zu verstecken suchen, sondern geradezu neurotisch zelebrieren, furchtbar sympathisch. Deshalb ist wohl auch Ally McBeal meine All-Time-Lieblingsserie.

In dem koreanischen Film Miss Hongdangmu bekommen wir es mit einem Prachtexemplar dieser Gattung zu tun: Yang Mi-sook (Kong Hyo-jin) ist die unbeliebteste Lehrerin der Schule; sie ist nervös und hysterisch, errötet bei jeder Kleinigkeit und ist seit Jahren in ihren früheren Lehrer und mittlerweile Kollegen verliebt, der verheiratet ist. Als dieser sich an einer anderen, jungen Lehrerin interessiert zeigt, schließt Mi-sook, um dagegen vorzugehen, eine Allianz mit seiner Tochter Jong-hee - der unbeliebtesten Schülerin der Schule. Aus dieser Zweckgemeinschaft entwickelt sich bald eine Freundschaft - complications ensue.

Diese Art von Film steht und fällt natürlich mit der Hauptdarstellerin, und Kong liefert hier eine wirklich großartige Performance ab. Aber auch die Nebendasteller wissen zu begeistern; mir persönlich hat vor allem Lee Jong-hyeok als das männliche Objekt der Begierde gefallen - seine apathische, resignative Mimik im Zusammenspiel mit Mi-sooks extrovertiert-hysterischer Art sorgt immer wieder für herrliche Szenen.

Gegen Ende fällt der Misseu Hongdangmu leider ein bisschen in sich zusammen. Das Finale ist einfach too much und zieht sich ewig hin. Hier hätte man straffen und kürzen müssen. Trotzdem: Insgesamt bleibt der Film ein amüsantes, sympathisches und erfrischendes Erlebnis. Und wer noch nicht ganz überzeugt ist: Als Produzent und Co-Autor diente niemand anderer als Park Chan-wook, Regisseur von OldBoy und I'm A Cyborg, But That's Okay.

Hier noch ein sehr schöner Trailer.

Samstag, März 07, 2009

Watchmen


Ein paar Klarstellungen vorweg: Ich habe Watchmen gelesen; es ist allerdings schon wieder eine Weile her. Ich halte es für beeindruckend vielschichtig und habe Respekt davor, was es für das Medium Comics geleistet hat, würde mich aber nicht unbedingt als klassischen "Fan" bezeichnen. Eine Verfilmung des Werks halte ich grundsätzlich für ziemlich sinnlos, bin aber auch der Ansicht, dass Leute, die - in welchem Kontext auch immer - das Wort "unverfilmbar" verwenden, entweder das Medium Film unterschätzen oder eine zu enge Vorstellung vom Konzept des Adaptierens haben.

Watchmen allerdings ist genau das geworden, was man sich ausrechnen konnte, als Zack Snyder (300) als Regisseur bekanntgegeben und spätestens als der erste Trailer gezeigt wurde. Ein stylischer, unterhaltsamer Actionfilm, der sich den relativ gesehen uninteressantesten Aspekt des Buches hernimmt - den Plot - und ihn in die typische Blockbuster-Massenware einordnet. Das Ergebnis ist immer noch interessanter als viele andere Filme dieser Art, das ist aber zu hundert Prozent dem Ausgangsmaterial zu verdanken. Snyder fügt dem Film - ganz bewusst sogar - nichts hinzu außer ein paar Actionsequenzen mit reichlich Speedramping und Gore. Die Ecken und Kanten der Story wurden etwas geglättet, so wurde etwa Rorschach vom paranoiden Spinner zum neuen Idol für männliche Teenager gemacht. Dass es im Buch auch um die Hinterfragung von Gewalt, Selbstjustiz und Männlichkeitsphantasien geht, kommt jemandem wie Snyder natürlich nicht einmal in den Sinn (oder es ist ihm egal, weil er sein Zielpublikum kennt) - Oberflächenfetischismus statt Reflexion ist angesagt.

Snyder ist ein technisch begabter Durchschnittsregisseur ohne künstlerisches Talent, der exakt denselben massenwirksamen Inszenierungsstil, den er bei 300 verwendet hat, jetzt in Watchmen einsetzt, und sich bei allem, was über seinen intellektuellen Horizont hinausgeht, in seiner Ratlosigkeit einfach sklavisch an die Vorlage hält. Der Unterschied ist nur, dass 300 bereits als Buch ein stumpfsinniger, harmloser Spaß war. Aber Snyder würde wohl auch Art Spiegelmans Maus als ästhetisierte "badass"/"kickass"/"awesome"-Zeitlupen-Action verfilmen. Er kann (oder will) einfach nichts anderes, und es ist offensichtlich auch nicht nötig. Die "Fans" sind ja zufrieden.

Donnerstag, Jänner 15, 2009

Zuletzt gesehen

Da das Ende des Jahres vorbei ist und ich nicht mehr unter dem Druck stehe, möglichst viele aktuelle Filme für meine Jahresendliste sehen zu müssen, kann ich mich jetzt wieder freestyle durch die Filmgeschichte bewegen. Naja, zumindest noch eine Woche lang, bis die Oscar-Nominierungen bekanntgegeben werden.

Weiter als bis in die Achtziger bin ich zwar derweil nicht zurückgegangen, aber ich habe nichtsdestotrotz einige Lücken gefüllt, vor allem im Anime-Bereich, doch dazu ein ander Mal mehr.

Hier erstmal ein paar Gedanken zu den Filmen, die ich in den letzten Tage gesehen habe.

Crash (David Cronenberg, 1996)

Das ist ein großartiger Film, um Leute zu entlarven, sowohl was ihre Ideologie als auch ihre Ästhetik betrifft. Ein richtiggehender Lackmus-Test. Ich meine, es gibt tatsächlich Leute, die defensiv mit den Händen wacheln und mir weißmachen wollen, die hier dargestellten Obsessionen wären völlig abwegige Hirngespinste und hätten nichts, aber auch gar nichts mit der Wirklichkeit zu tun. Im Ernst? Es ist unmöglich, eine Verbindung zwischen Sexualität, Autos und Selbstzerstörung zu finden? Bitte... Jeweils zwei davon miteinander zu verbinden bedarf ja wohl keiner großen Fantasie; alles, was dieser Film macht, ist, die dritte Ebene miteinzubeziehen. Es ist amüsant zu beobachten, wieviel Angst manchen Menschen dieser Film offenbar macht.

Weiters kann man an denen, die sich über die "fehlende Handlung" und eine "bloße Aneinanderreihung von Sexszenen" beklagen, schnell erkennen, dass sie keine Ahnung von Film haben. Praktisch!

South Park: Imaginationland (aka Kyle Sucks Cartman's Balls) (Trey Parker, 2008)

Hierbei handelt es sich um einen Dreiteiler aus South Park-Episoden, der neu geschnitten als 67-minütiger Film auf DVD veröffentlicht wurde. Darin besuchen Stan, Kyle und Butters das mysteriöse Imaginationland, in dem all die fiktiven Figuren leben, die sich die Menschheit im Laufe ihrer Geschichte ausgedacht hat, vom Weihnachtsmann bis zu den Schlümpfen. Eine Krise bricht aus, als Imaginationland von muslimischen Terroristen angegriffen und Butters als Geistel genommen wird. Nicht unbedingt South Park as its best, aber unterhaltsam. Am witzigsten ist wahrscheinlich der zweite Handlungsstrang, in dem Cartman davon besessen ist, dass Kyle an seinen Hoden lutscht, nachdem dieser eine Wette gegen ihn verloren hat.

Tetsuo II: Body Hammer (Shinya Tsukamoto, 1992)

Der erste Tetsuo hat mich extrem beeindruckt. Der Nachfolger ist im direkten Vergleich dazu etwas enttäuschend, wenngleich immer noch interessant. Wieder mutiert ein Mann zu einer Maschine, diesmal ist das ganze jedoch in eine vergleichsweise konventionell anmutende Handlung verpackt. Ganz und gar nicht konventionell ist nach wie vor die Inszenierung dieser Handlung. Allerdings habe ich das Gefühl, dass die wilden Schnitte und Fahrten, die extremen Winkel und die Licht- und Farbspielereien dieser hier eher im Weg sind als ihr zu nutzen.

Max Payne and the Funky Bunch (John Moore, 2008)

Was für eine bescheuerte Idee, Max Payne zu verfilmen. Quasi das Pendant zu Street Fighter: The Movie: The Game - nur umgekehrt. Der Witz an den Spielen war ja gerade, dass man all die großartigen Action-Szenen aus den John Woo-Filmen endlich selber spielen konnte.

Aber natürlich war es mehr als das: Ein großartiges Skript, das sämtliche hard boiled fiction-Klischees parodierte ("The rain was comin' down like all the angels in heaven decided to take a piss at the same time."). Ein Ensemble an unvergesslichen Figuren ("Have no fear, Vlad is here!"). Und vor allem das surreale, selbstreferentielle Spiel mit mehreren Realitätsebenen, gerade in Teil 2.

All das hat man im Film bis zur Unkenntlichkeit heruntergedummt oder gleich ganz weggelassen. Übrig bleibt eine altbackene und vorhersehbare Story um einen rachedürstigen Cop, der die Mörder seiner Familie sucht und dabei auf ein vertuschtes missglücktes Experiment der Regierung stößt. Never seen that before!

Und bitte, lasst mich gar nicht erst anfangen, über das Casting zu reden.

Days of Being Wild (Wong Kar-Wai, 1990)

Ich liebe Wong Kar-Wais Filme, die meisten jedenfalls. Auch Days of Being Wild, sein zweites Werk nach As Tears Go By, verfügt bereits über beinahe alle klassischen Wong Kar-Wai-Qualitäten; kaum jemand kann das Elegische, Unfassbare, Flüchtige, Romantisch-Melancholische so stimmungsvoll filmisch ausdrücken wie er.

Was das Visuelle betrifft, tue ich mir schwer. Meine DVD-Version war extrem blass; zuerst habe ich das dem Film selbst zugeschrieben, aber etwas Internet-Recherche hat ergeben, dass die verschiedenen DVD/Blu-Ray-Ausgaben sich in Sachen Helligkeit und Farbgebung teilweise stark voneinander unterscheiden, und das meine Version mit ziemlicher Sicherheit zu stark aufgehellt war. Trotzdem kann ich sagen, dass Days of Being Wild insgesamt visuell doch deutlich spröder ist als spätere Arbeiten Wongs.

Insgesamt landet dieser Film wohl im Mittelfeld meiner Wong Kar-Wai-Liste; mein Liebling ist und bleibt das "Sequel" In The Mood For Love.

Mittwoch, Dezember 31, 2008

Meine Top 10 Lieblingsfilme 2008

Das Jahr ist fast zu Ende: Listenzeit! Hier also die Top 10 meiner Lieblingsfilme von 2008, aus insgesamt 37 gesehenen. Dabei gilt: Der reguläre österreichische Starttermin muss 2008 gewesen sein. Falls der Film (noch) nicht regulär in Österreich gezeigt wurde, zählt das Produktionsjahr 2008. Auffällig ist, dass sich dieses Jahr gleich drei Filme aus Südkorea unter den Top 10 befinden, noch dazu aus drei verschiedenen Genres.

1. There Will Be Blood (Paul Thomas Anderson, 2007)
2. Chugyeogja / The Chaser (Hong-jin Na, 2008)
3. Saibogujiman kwenchana / I'm A Cyborg But That's Okay (Chan-wook Park, 2006)
4. No Country For Old Men (Joel und Ethan Coen, 2007)
5. The Dark Knight (Christopher Nolan, 2008)
6. Wall-E (Andrew Stanton, 2008)
7. Rambo (Sylvester Stallone, 2008)
8. Once (John Carney, 2006)
9. Tropic Thunder (Ben Stiller, 2008)
10. Joheunnom nabbeunnom isanghannom / The Good, The Bad, The Weird (Ji-woon Kim, 2008)

Freitag, Dezember 26, 2008

The Good, The Bad, The Weird


Endlich hatte ich die Möglichkeit The Good, The Bad, The Weird zu sehen, einen koreanischen Western von Kim Ji-woon, der dieses Jahr in Cannes Premiere hatte. Dass es sich gar um den teuersten koreanischen Film aller Zeiten handelt, wusste ich ursprünglich überhaupt nicht - ich hatte nur den Trailer gesehen und wusste: Holy shit, das muss ich sehen.

Wie der Titel des Films schon verrät, ließ sich Ji-Woon kräftig von Sergio Leones The Good, The Bad and The Ugly inspirieren, vor allem was die Grundkonstellation betrifft: Drei Männer, ein "Guter" (Kopfgeldjäger Do-Won Park), ein "Böser" (Badass Chang-yi Park) und ein Unberechenbarer (Gauner Tae-goo Yoon) jagen um die Wette einem extrem wertvollen Schatz hinterher. Historischer Hintergrund ist die japanisch besetzte Mandschurei in den 1930er-Jahren.

Der Plot ist jedoch im Grunde ein Vorwand um einen ganzen Haufen spektakulärer Set Pieces aneinanderzureihen, wie etwa einen Zugüberfall oder eine lange Verfolgungsjagd durch die Wüste. Und das macht auch überhaupt nichts, denn diese Action-Sequenzen sind allesamt grandios inszeniert und machen extrem viel Spaß; ich hoffe sehr, dass ich vielleicht doch noch die Möglichkeit bekomme, sie auf einer Kinoleinwand zu sehen.

Im Gegensatz zu amerikanischen Neo-Western, die meistens sehr düster und pessimistisch ausfallen, geht es The Good, The Bad, The Weird um die schiere Freude am Genre, auch wenn man argumentieren könnte, dass der Film eigentlich nur noch äußerlich etwas mit einem Western zu tun hat. Im Grunde seines Herzens ist er eine Action-Abenteuer-Achterbahn in der Tradition der Indiana Jones-Filme - und das ganz ohne lianenschwingende Affen mit Greaser-Frisuren.

Mittwoch, November 12, 2008

Ein Klavier, ein Klavier!


Heute wird Loriot oder Bernhard Victor Christoph-Carl von Bülow, wie sich der Herr scherzhaft nennt, 85 Jahre alt.

Er ist - und das muss einmal in aller Deutlichkeit gesagt werden - das ist doch, gerade im Hinblick auf die Jugend, und liebe Leser, warum auch nicht. Meiner Ansicht nach einer der, wenn nicht sogar der, ich wage zu sagen - ohne dabei in sinnlose Vergleiche verfallen zu wollen - das steht wohl ganz und gar außer Frage. In Anbetracht dessen, so ist es meine Meinung, das deutsche Spießbürgertum, und dazu stehe ich. Warum also um den heißen Brei herumreden, man muss die Dinge auch einmal, und wie sagt doch der Dichter, besser heute als morgen.

Danke und Herzlichen Glückwunsch.

Quantum of Solace


Okay, jetzt wissen wir es: Casino Royale war eine Ausnahme, kein Neubeginn. James Bond ist wieder zurück in seiner alten Routine. Quantum of Solace bemüht sich verkrampft um Intensität, bleibt dabei aber oberflächlich und uninteressant. "Diese Verfolgungsjagd ist totaaal spektakulär", versichert uns der Film, "ich zeige sie euch zwar nicht, aber ihr müsst es mir einfach glauben! Schaut doch wie schnell die Schnitte, wie laut die Soundeffekte sind!" Oder: "Das ist eine totaaal emotionale Sache für Bond! Echt! Hört doch nur mal auf die Musik!"

Es ist zwecklos. James Bond ist mir egal. Nichts, was auf der Leinwand passiert, löst auch nur das Geringste bei mir aus. Das gilt auch für den Plot: Zum gefühlten hundertsten Mal bekommen wir vorgesetzt, wie Bond sich gegen den Willen von MI6 stellt. Und der Bösewicht? Nichts gegen Mathieu Almaric, aber das war ja wohl ein Witz. Und das nach dem großartigen Le Chiffre. Ich sage nur soviel: Bluttränen geweint von Le Chiffre: 1 - Bluttränen geweint von Dominic Greene: 0.

Nicht einmal Dame Judi Dench kann viel retten. Die im letzten Film noch so angenehm subtile und nur im Vorbeigehen gestreifte Beziehung zwischen M und Bond wird hier totgeritten, ohne ihr irgendetwas Neues abzugewinnen. Am relativ interessantesten sind da noch die ganz kleinen Nebenrollen: Mathis, Felix Leiter und Fields, das sekundäre Bond-Girl. Was das primäre Bond-Girl Camille (Olga Kurylenko) betrifft: Sie bekommt eine derart abgedroschene Hintergrundgeschichte verpasst, dass sie uns gleich genauso egal wird wie Bond.

Zum Abschluss noch eine Bitte an die Produzenten: Wenn ihr schon zur alten, blutleeren Routine zurückkehrt, dann setzt doch wenigstens die Gun-Barrel-Sequenz nächstes Mal wieder an den Anfang, wo sie verdammt nochmal hingehört.

Mittwoch, Oktober 29, 2008

The Wrestler


Die Leinwandhelden der Achtziger Jahre zurückzubringen und dabei die Karrieren der sie verkörpernden Schauspieler mitzureflektieren ist ein Trend, den Hollywood vor allem im Actionkino nun schon seit einiger Zeit verfolgt. Mit Darren Aronofskys Film The Wrestler liegt nun gewissermaßen eine Arthouse-Variante dieses Phänomens vor.

Im Mittelpunkt steht der alternde Wrestler Randy "The Ram" Robinson, gespielt von Mickey Rourke. Der Höhepunkt seiner Karriere liegt zwanzig Jahre zurück, er ist einsam und verarmt und sein Körper kann den Anforderungen des Wrestling-Sports langsam nicht mehr nachkommen.

"Körper" ist ein Schlüsselwort dieses Films, denn die schiere Physikalität von Rourkes Figur ist vielleicht seine Hauptattraktion. Randy ist ein gewaltiger, aufgedunsener Fleischberg, der oftmals fast das gesamte Bild ausfüllt. Nach dem Ringkampf fährt die Kamera über seinen geschundenen Körper wie über ein Schlachtfeld, das im Laufe der Jahrzehnte unzählige Gemetzel gesehen hat. Aber nicht nur körperlich ist Mickey Rourke in der Rolle derart überzeugend, dass man sich überhaupt keinen Besseren dafür vorstellen kann (schon gar nicht den ursprünglich vorgesehenen Nicolas Cage). Das liegt natürlich auch an der offensichtlichen Verlockung, biographische Parallelen zwischen dem Schauspieler und seiner Figur herzustellen. Vielleicht sehnt sich wie Randy auch Rourke nach den Achtzigern zurück, als er ein begehrter und vielversprechender Jungdarsteller war. Andererseits: Dank The Wrestler könnte es demnächst durchaus eine Oscar-Nominierung geben, und zumindest neugewonnenen Respekts dürfte sich Rourke sicher sein.

Die Leistungen der Nebendarsteller verblassen da schon fast ein wenig; Marisa Tomei als alleinerziehende Stripperin kann es noch einigermaßen mit Rourke aufnehmen (auch in Sachen mutiger Körpereinsatz), Evan Rachel Wood als Randys Tochter dagegen versinkt in hysterischem Overacting. Vielleicht ist auch das Drehbuch daran schuld, das mit seinem konventionell-vorhersehbaren Abklappern bewährter Plot-Points die größte Schwäche des Films darstellt. Nicht, dass es nicht funktionieren würde - aber es bietet eben auch nichts wirklich Neues. Immerhin schafft es Aronofsky vielen Szenen eine gewisse Tragikomik abzugewinnen, ohne dabei in zynischen Slapstick auf der einen Seite oder albernen Kitsch auf der anderen Seite zu verfallen. Ja, manchmal lachen wir über Randy, wenn er sich wie ein Elefant im Porzellanladen benimmt - aber nie ohne Mitgefühl und Sympathie. Gleichzeitig werden seine Fehler aber keineswegs entschuldigt. Überhaupt entgeht Aronofsky in The Wrestler einer ganzen Menge solcher Fallen; seine Inszenierung zeugt von beachtlicher Reife.

Dienstag, August 19, 2008

Der große Japaner - Dainipponjin


Superhelden-Filme befinden sich momentan wohl auf dem Höhepunkt ihrer Popularität. Das merkt man nicht zuletzt daran, dass das Genre in letzter Zeit immer häufiger parodiert wird: Sei es in Superhero Movie, Hancock oder eben Der große Japaner, dem Debütfilm des japanischen Medienstars Hitoshi Matsumoto. Auch wenn der Film stärker in der japanischen Tradition von Ultraman und den Godzilla-Filmen verankert ist als in der uns vertrauteren Comicwelt der Helden von Marvel und DC, eröffnet er doch erfrischende Perspektiven auf das Superhelden-Dasein im Allgemeinen.

Der große Japaner beginnt dabei alles andere als spektakulär: Im Stil eines Dokumentarfilms wird uns der Alltag eines Mannes namens Daisato nähergebracht. Auf den ersten Blick ist er nicht besonders interessant. Er mag aufklappbare Regenschirme und Seegras, lebt von Frau und Tochter getrennt in einem ziemlich heruntergekommenen Haus und würde in seinem Job gerne ein bisschen mehr verdienen. Irgendwann läutet aber schießlich sein Mobiltelefon und wir erleben, um was für einen Job es sich handelt:

Sobald irgendwo in Japan eine Stadt von einem Riesenmonster angegriffen wird (was nun einmal immer wieder vorkommt), macht sich Daisato auf zu einer "Transformationsstation", wo er unter Strom gesetzt wird und sich dadurch in einen überdimensionalen Sumo-Ringer verwandelt. Er bekämpft das jeweilige Monster und schrumpft nach einiger Zeit wieder auf Normalgröße zurück, um auf seinen nächsten Einsatz zu warten.

Was nach einer Gelegenheit für heldenhafte Abenteuer klingt, ist in diesem Film weder glamourös noch besonders aufregend. Für Daisato ist es schlicht ein Job, den er macht, weil ihn sein Vater und sein Großvater auch schon gemacht haben und er nichts anderes gelernt hat. Es ist nicht einmal ein besonders dankbarer Job. Zwar werden Daisatos Kämpfe im Fernsehen übertragen (weshalb er seinen Körper mit allerhand Sponsorenlogos "schmücken" muss), das Interesse ist inzwischen allerdings so sehr gesunken, dass die Sendezeit auf nach Mitternacht verlegt wurde. Zudem hat die japanische Bevölkerung schon seit langem wirklich die Schnauze voll von dem ewigen Explosionslärm.

Wir sehen, mit welcher Art Humor wir es hier zu tun haben. Wie etwa auch viele Filme Takeshi Kitanos verfügt Der große Japaner über diese ganz spezielle Mischung aus Trockenheit, Melancholie, menschlicher Wärme und Sozialkritik. Die alltäglichen Mockumentary-Sequenzen wechseln sich dabei ab mit einigen der wohl skurrilsten Kampfszenen, die wir je im Kino erleben durften. Natürlich kann das CGI, das dabei zur Verwendung kommt, nicht ganz mit dem großer Hollywood-Produktionen mithalten, aber das wird mehr als ausgeglichen durch die absolut brillianten Monster-Designs, die allesamt Dalí-Gemälden entsprungen sein könnten.

Dem Film gelingt es aber nicht nur, stellenweise unheimlich witzig zu sein, sondern sich auch einem recht breiten Spektrum an Themen zu nähern, darunter Entfremdung, Kommerzialisierung, staatliche Kontrolle oder das Verhältnis Japan-USA. Die Behauptung, dass man mit Matsumotos Werk nur etwas anfangen kann, wenn man mit dem japanischen Monsterfilm vertraut ist, kann ich also nicht nachvollziehen. So eindimensional ist Der große Japaner nicht. Einzig die Finalsequenz dürfte wohl so manchen westlichen Zuschauer etwas ratlos zurücklassen.

Ach, eine Sache noch: Dass man den englischsprachigen Trailer nicht mit Big In Japan von Tom Waits unterlegt hat, werde ich nie verzeihen. Niemals.

Donnerstag, August 07, 2008

The Dark Knight


Auf der sehr empfehlenswerten Comedy-Seite www.thatguywiththeglasses.com gibt es eine Videoreihe namens Bum Reviews, in der der Protagonist - ein verrückter Obdachloser - jede einzelne seiner Filmkritiken mit den Worten eröffnet: "OH MY GOD, THIS IS THE GREATEST MOVIE I'VE EVER SEEN IN MY LIFE!!!" Was normalerweise als Satire auf die YouTube-Generation durchgeht, schien nach dem US-Release von Christopher Nolans neuem Batman-Film The Dark Knight von der Realität überflügelt worden zu sein. Das ganze Internet hatte sich ein einziges großes Bum Review verwandelt. Was mich betrifft, war es der bei weitem größte Internet-Hype, den ich je einen Film betreffend erlebt hatte. Von der Videospielkultur war ich das gewohnt, da passiert derartiges alle paar Wochen. Aber bei Filmen trifft man normalerweise auf eine deutlich gemischtere Rezeption. Nicht so bei The Dark Knight: Nahezu ausschließlich überschwängliches Kritikerlob und religiöse Verehrung von Seiten des Publikums machten aus dem Film ein regelrechtes Phänomen.

Diese Umstände erschwerten mir eine Beurteilung des Films ungemein. Denn ich nahm den Hype beim Wort und betrat den Kinosaal nicht mit dem direkten Vorgänger Batman Begins oder anderen Comicverfilmungen der jüngeren Zeit wie Iron Man im Hinterkopf, sondern mit Heat und The Godfather, Part II, wie man es mir tausende Male vorgekaut hatte. An Ende stellte ich jedoch fest, dass ich da etwas zu hoch gegriffen hatte. Rein filmsprachlich ist der Film nun einmal keine Revolution, liebe Fanboys, so schwer das auch zu akzeptieren ist. Und bevor jemand mit IMAX kommt: Ja, ich habe den Film auf einer gewöhnlichen, altmodischen Leinwand gesehen, aber das tut nichts zur Sache: 20 Minuten IMAX-Spielereien gelten nicht als großes Kino, sorry. Vielmehr habe ich den Verdacht, dass die überwältigend große IMAX-Leinwand sich negativ auf die Urteilskraft so manches Kritikers ausgewirkt hat. Boooaaaaah. Groooooß.

Nachdem das klargestellt ist: The Dark Knight ist nichtsdestotrotz ein toller Film, auf den das Klischee des lustig-bunten Popcorn-Sommerblockbusters, bei dem man sein Gehirn an der Kasse abgibt, so gar nicht zutreffen will. Nolans Stärke lag eben noch nie in subtiler Filmsprache, sondern in dichten, wendungsreichen Plots und psychologisch ausgefeilten Charakterzeichnungen, was er hier einmal mehr beweist. Und einige kreative Entscheidungen sind zumindest interessant, so zum Beispiel die visuelle Darstellung von Gotham City: Trotz der Tatsache, dass wir es mit der bis dato düstersten Batman-Verfilmung zu tun haben, bekommen wir diesmal anstelle des expressionistischen Labyrinths aus den Vorgängerfilmen eine ganz und gar realistisch, alltäglich und geräumig wirkende amerikanische Großstadt als Schauplatz geboten (in der Tat ist es Chicago), in der sogar die Sonne scheinen darf. Und selbst wenn eine Szene innerhalb von vier Wänden stattfindet, bieten uns oft große Glasfenster einen geradezu freundlichen Blick auf Gotham.

Die Art der Inszenierung verankert The Dark Knight stärker noch als seinen Vorgänger in der realen Welt, nicht in einem stilisierten Comic-Universum. Christopher Nolan geht damit ein erhebliches Risiko ein, denn Plot und Charakterzeichnung werden in solch einem Rahmen ganz anders gemessen. Und damit sind wir auch schon bei einem Problem. Der Plot ist nämlich dermaßen wendungsreich und komplex, dass der Film ganz einfach überladen wirkt. Eigentlich hätte der Stoff für zwei Filme gereicht, und vielleicht wäre das sogar besser gewesen (etwa nach der Hälfte seiner Laufzeit weist der Film eine klar erkennbare Zäsur auf). Das Tempo ist an vielen Stellen zu hoch, was dazu führt, dass Plot-Holes mitunter wie Pilze aus dem Boden schießen und manche Entwicklungen gehetzt wirken. Man spürt einfach die Schere des Cutters und den kalten Schweiß der um die Laufzeit besorgten Studiobosse. Ein Director's Cut auf DVD könnte da womöglich noch einiges nachbessern.

Abgesehen vom puren Plot verfügt The Dark Knight außerdem über einen erstaunlich expliziten und dichten politischen Subtext. Klar, 300 oder Iron Man konnte man auch dahingehend analysieren, aber hier wird es einem dermaßen aufs Aug gedrückt, dass das Umschalten in den "No politics, just entertainment"-Modus einfach nicht funktioniert. Ich habe relativ viel darüber nachgedacht und verschiedenste Meinungen darüber gelesen, und glaube inzwischen, dass der Film vielschichtig genug ist, um mehrere, auch komplett gegensätzliche Interpretationen zuzulassen und zu interessanten Diskussionen anzuregen. Und dass das auch die Absicht war. Aber ich will gar nicht zu viel über diesen Aspekt sprechen; hier soll jeder seine eigenen Schlüsse ziehen.

Was dem Film auf alle Fälle stets gelingt: Er reißt mit, er fasziniert, er fesselt und bewegt. Langweilig ist es nie, keine Sekunde lang. Die Actionsequenzen sind packend inszeniert und gehen herrlich sparsam mit CGI um. Wenn sich ein LKW überschlägt oder ein Hubschrauber in ein Gebäude donnert, dann sieht das nicht wie ein billiger Computertrick aus, sondern hat eine physikalische Qualität. Die Höhepunkte des Films jedoch liegen gar nicht in diesen Sequenzen, sondern sind den Schauspielern zu verdanken.

Was soll ich noch groß über Heath Ledger sagen? Ich wurde bereits mit dem ersten Trailer, in dem er als Joker zu sehen war, vom Skeptiker zum "Oscar!"-Schreier. Einfach unglaublich, wie er vollkommen hinter der Rolle verschwindet. Aber auch sonst zeigt sich wie schon in "Batman Begins", dass sich ein Ensemble aus A-Klasse-Darstellern auch in dieser Art von Film einfach auszahlt. Christian Bale, Michael Caine und Morgan Freeman kehren in ihre Rollen als Bruce Wayne, Alfred Pennyworth und Lucius Fox zurück, und auch Cillian Murphy als Jonathan Crane/Scarecrow hat einen leider viel zu kurzen, aber feinen Gastauftritt. Gary Oldman bekommt diesmal glücklicherweise mehr Gelegenheiten, sein Können zu zeigen und legt als Jim Gordon eine der besten Leistungen im Film vor. Die Figur der Rachel Dawes wird diesmal nicht mehr von Katie Holmes, sondern von Maggie Gyllenhaal verkörpert, was klar eine Verbesserung darstellt. Und dann haben wir natürlich noch Aaron Eckhart als Harvey Dent.

Harvey Dent ist die tragischste Figur im Film, und seine Entwicklung hat mich mindestens ebenso fasziniert wie der anarchische Wahnsinn des Jokers. Nolan ist nicht so dumm, ihn im Laufe eines Films vom perfekten Strahlemann zum Superschurken zu verwandeln. In gewissem Sinne ist Dent von Anfang an Two Face, und ein Teil von ihm wartet nur darauf, völlig in dieser Rolle aufzugehen; sogar den Namen bekommt er bereits verpasst bevor der Film überhaupt begonnen hat. Das macht seine Wandlung glaubwürdig, auch wenn sie relativ schnell geschieht. Was natürlich auch an Aaron Eckhart liegt, der neben Heath Ledger und Gary Oldman die beeindruckendste Performance im Film bietet. Großartig auch die visuelle Umsetzung von Two Face - Gänsehaut beim ersten Anblick garantiert.

Batman Begins war ein Film, der sehr auf Nummer Sicher spielte. Das Drehbuch war eng wie ein Korsett und extrem schematisch, wodurch er sehr elegant und geschlossen wirkte, und im Mittelpunkt stand vor allem ein Mann (Bruce Wayne). The Dark Knight ist ambitionierter und gewagter, will am liebsten alles zugleich sein: Tragödie, Kriminal-Epos, Reflexion über Moral und gesellschaftliche Mechanismen, und das alles im Gewand eines Sommer-Blockbusters. Dadurch wirkt der Film stellenweise hektisch und überladen - vor allem aufgrund der Neigung, seine Themen durch von den Figuren dargebrachte Stehsätze auszudrücken anstatt durch filmsprachliche Mittel.

Allen Mängeln zum Trotz ist The Dark Knight aber äußerst lohnend und auch bis dato die Batman-Verfilmung, die der Essenz des Stoffs in meinen Augen am nächsten kommt. Als puren Film halte ich allerdings immer noch Tim Burtons Batman Returns für das Meisterwerk der Serie.

Montag, Juli 07, 2008

Wir sind SCHEISSE!

Ich muss gestehen, ich selbst bin verblüfft, als wie passend sich mein Anfang 2007 geäußerter Kommentar zur politischen Lage in Österreich im Rückblick erwiesen hat:

Österreich hat jetzt endlich was es wollte. Eine "stabile" große Koalition unter dem Bundeskanzler Molterer Gusenbauer. Herzlichen Glückwunsch, ihr Deppen. Und viel Spaß.

Ich würde lachen, wenn es nicht so ärgerlich wäre. Und es ist verdammt ärgerlich. Viel zu wenige Menschen scheinen zu realisieren, wie ärgerlich es ist - was für eine komplette Katastrophe das Jahr 2008 für Österreich ist.

Man muss sich das nur mal Augen führen: Ein Großteil der ersten Hälfte des Jahres bestand für die Regierung im Grunde aus Streitereien, Blockierungen und Eitelkeiten. Die ÖVP spielt zum zweiten Mal das gleiche Spiel: Eine Scheinkoalition mit einem labilen, unfähigen Partner eingehen, ihn anschließend so lange anstupsen und anrennen lassen, bis er von selbst in sich zusammenbricht. Anschließend selbst deutlich gestärkt in Neuwahlen gehen, um in der Konsequenz quasi eine Alleinregierung führen zu können. Das hat 2002 mit der FPÖ hervorragend geklappt, und jetzt ist die SPÖ dran. Kinderspiel - beiden Parteien ist die ÖVP intellektuell und strategisch haushoch überlegen. Man liest zwar immer wie intelligent und gebildet Gusenbauer denn nicht sei, merken tut davon in der Praxis halt keiner was. In Fernsehinterviews und bei öffentlichen Auftritten kommt er sowieso seit Jahren als gutmütiger, aber leicht dümmlicher Holzkopf herüber.

Im Juni kam die Fußball-EM, also das so ziemlich beste was der Regierung passieren konnte, weil Politik in dem Zeitrahmen im öffentlichen Raum so gut wie nicht existiert. Eine Auszeit also, in der die Bürger die politische Lage vergessen und Österreich in jedem Fall voll super finden. Gusenbauer ist durch Hickersberger ersetzt.

Kaum ist die EM vorbei geht es aber weiter. Hans Dichand hievt Walter Feymann an die Spitze der SPÖ und versetzt ÖVP-Außenministerin Ursula Plassnik einen Tritt in die Magengrube. Molterer erkennt, dass er handeln muss bevor es zu spät ist und spielt die "Neuwahlen"-Karte aus. Was bedeutet, dass wir also auch den Rest des Jahres politisch vergessen können, weil er mit millionenteurem, stupidem Wahlkampf-Scheißdreck und Koalitionsgesprächen zugekleistert sein wird.

Und danach? Wird es weitergehen. Wenn wir Glück haben nicht ganz so schlimm wie in letzter Zeit, aber schlimm auf "gewöhnlichem" Niveau. Denn wirklich etwas ändern wird sich in Österreich sowieso lange nicht, dank Stammwählern, Medienkonzentration, Globalisierung und all der anderen schönen Dinge, die aus dem Konzept der Demokratie längst einen schlechten Witz gemacht haben.

Bei den amerikanischen Präsidentschaftswahlen kann ich mir wenigstens mit viel Anstrengung irgendwie einreden, dass mit Obama alles anders wird, auch wenn es blöd und naiv ist. In Österreich aber darf ich nicht einmal träumen.

Sonntag, Juni 22, 2008

Yojimbo


Akira Kurosawas Samurai-Klassiker Yojimbo steht inmitten eines recht umfangreichen Bezugsgeflechts. Kurosawa ließ sich für seine Geschichte um einen namenlosen Kämpfer, der zwei rivalisierende Gangs gegeneinander ausspielt, von Dashiel Hammetts Red Harvest, sowie von der Verfilmung seines Romans The Glass Key inspirieren; außerdem stellen die Western John Fords einen wichtigen stilistischen Einfluss dar. Yojimbo selbst inspirierte widerum Sergio Leones bahnbrechenden Für eine Handvoll Dollar, der das Genre des Italo-Western definierte. Und auch viel später wurde die Geschichte noch aufgegriffen, etwa 1996 in Walter Hills Last Man Standing.

Zurück jedoch zu Yojimbo, der meiner Meinung nach selbst Für eine Handvoll Dollar noch übertrifft. Jeder Aspekt dieses Films zeugt von Meisterschaft. Das erste, was auffällt, sind wohl die virtuosen, hocheleganten Breitwand-Kompositionen des Kameramanns Kazuo Miyagawa. Er versteht das Format brilliant zu nutzen, zeigt uns die Verhältnisse zwischen den Figuren und ihrer Umwelt, setzt Wände, Türen und Fenster geschickt zur Raumaufteilung ein und variiert gekonnt zwischen hoher Schärfentiefe und starkem Teleobjektiv. Nahezu jede Minute des Films ist visuell einfach hochspannend. Diese Art von Kameraarbeit ist es, die mich daran erinnert, was ich am Kino so sehr liebe.

Eine weitere hervorstechende Qualiät von Yojimbo ist sein Hauptdarsteller, Tashiro Mifune. Wer glaubt, dass man einen namenlosen Actionhelden ohne Vergangenheit nicht nuanciert und facettenreich spielen kann, der wird hier eines Besseren belehrt. Im Wesentlichen ist Mifunes Figur ein Geist, der zu Beginn des Films aus dem Nichts auftaucht, die Verhältnisse nach seinem Willen neu arrangiert, und nach erledigter Arbeit wieder vom Erdboden verschwindet. Durch Mifunes unglaublich ausdrucksstarke Mimik und Körpersprache verleiht er dem Protagonisten jedoch ein Maß an Persönlichkeit, von dem Clint Eastwoods "Mann ohne Namen" in der Dollar-Trilogie nur träumen kann. Es lohnt sich wirklich, Mifune den ganzen Film über zu beobachten - seine Augen, seine Schultern, seine Hände erzählen uns alles, was wir über die Figur wissen müssen.

Zumindest erwähnen sollte man auch Masaru Satos beeindruckenden Score, von dem sich offenbar auch Ennio Morricone beeinflussen ließ, und der es immer wieder schafft, Bezüge zu Umgebungsgeräuschen herzustellen oder sich gar mit ihnen zu verbinden.

Mit seinem coolen Helden, seiner spannenden Story und seinem schwarzen Sinn für Humor qualifiziert sich Yojimbo bereits als gelungener Actionfilm; doch die Raffinesse, die Sorgfalt und letztendlich das Genie seiner Macher erheben ihn zum Meisterwerk.