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Montag, Juli 13, 2009

Morrissey im Gasometer

Das hätte ich ja auch nicht gedacht, dass ich mal ein Morrissey-Konzert erleben würde, aber letzten Samstag war der Oscar Wilde der Popmusik tatsächlich in Wien, ganz ohne auf einem Festival zweite Geige für Muse oder Wir sind Helden spielen zu müssen. Angeblich wollte er in der Arena nicht auftreten, aufgrund ihrer Vergangenheit als Schlachthof - so gab es dort eben David Byrne zu sehen, während Mozzer den Gasometer bespielte.

Alles an dem Abend war extrem pünktlich, die Vorband Doll & The Kicks begann schon zu spielen, bevor wir überhaupt noch in der Halle waren, und auch Morrissey selbst war schneller auf der Bühne als man "Why pamper life's complexity when the leather runs smooth on the passenger seat?" sagen konnte. Sehr schön war auch das Intro: Statt dass beim Bühnenumbau zwischen Vorband und Hauptact öde Hintergrundmusik vom DJ aufgelegt wurde, gab es Filmausschnitte zu sehen wie eine Pressekonferenz mit Lou Reed oder einen Fernsehauftritt der New York Dolls - ein tolle Einstimmung.

Schließlich fiel der Vorhang und Morrissey eröffnete mit einer rockigen Version von This Charming Man. Ein passender Einstieg, denn der Anteil an Smiths-Songs war erfreulich hoch, wenn auch vielleicht etwas ungleich verteilt - im ersten Drittel war fast jedes zweite Lied ein Smiths-Klassiker, was ein wenig zu einem "Pulver zu früh verschossen"-Effekt führte. Das letzte Drittel war für mich eine leichte Durststrecke, und die Zugabe First Of The Gang To Die konnte nach den Hämmern vom Anfang dann auch niemanden mehr vom Hocker reißen.

Die komplette Setlist:

* This Charming Man
* I Just Want to See the Boy Happy
* Black Cloud
* How Soon Is Now
* Irish Blood English Heart

* Ask
* I'm Throwing My Arms Around Paris
* Girfriend In A Coma
* When I Last Spoke To Carol
* Why Don't You Find Out For Yourself
* Some Girls Are Bigger Than Others
* Let Me Kiss You
* One Day Goodbye Will Be Farewell
* Life Is A Pigsty
* The World is Full of Crushing Bores
* Sorry Doesn't Help
* Please Please Please Let Me Get What I Want
* The Loop
* I'm O.K. By Myself
* (Zugabe) First Of The Gang To Die

Die Strecke How Soon Is Now - Irish Blood English Heart - Ask darf wohl zumindest für mich als eindeutiger Höhepunkt bezeichnet werden, besser wurde es dann einfach nicht mehr.

Ein wirklich schöner Moment war, als Morrissey von einem weiblichen Fan eine alte Vinyl-Single in die Hand gedrückt bekam. Es handelte sich um eine wirkliche Obskurität: ein portugiesischer Druck von Pomme Pomme Pomme von Monique Melsen - das Lied Luxemburgs für den Eurovision Song Contest 1971 und Morrisseys Lieblingssong. Da war er sichtlich beeindruckt und gerührt.

Ingesamt hat man zwar gemerkt, dass Morrissey vom Touren ziemlich erschöpft ist, eine gute Show hat er dennoch geboten. Am Ende meinte er nur noch "Thank you for your patience... We've been throught 58 countries in two weeks. I'm just glad I made it through the night without any reference to that horrible song by Ultravox." Jep, das ist mal Lokalbezug mit Stil.

Freitag, März 30, 2007

Nine Inch Nails @ Gasometer


Gestern und heute spielen Trent Reznor und seine Mannen im Wiener Gasometer. Darauf habe ich lange gewartet, mich aber trotzdem in aller Bescheidenheit auf die gestrige Show beschränkt. Als Fan des raffinierten Industrial Rocks der Nine Inch Nails war ich die letzten Tage vor dem Auftritt ganz schön euphorisch. Konnten meine immensen Erwartungen erfüllt werden? Lesen Sie selbst.

Die Vorband war Ladytron aus Liverpool, eine Elektro-Pop-Formation mit zwei Frontfrauen, die ein beachtliches Maß an Erotik versprühten. Die Songs waren okay bis gut, und im Hintergrund lief auf einer Leinwand Dario Argentos Horrorklassiker Suspiria, den ich jetzt definitv endlich mal sehen muss. Ich glaube, der müsste sich sogar auf einer meiner Videokassetten befinden. Mal schauen...

Man mochte übrigens meinen, dass sich Reznors Perfektionismus direkt auf den Ablauf der Show ausgewirkt hat: Einlass pünktlich, Vorband pünktlich, Beginn pünktlich, absolut geradlinige Show, kein Gequatsche zwischen den Songs, pünktliches Ende, keine Zugaben. Echt angenehm.

Was weniger angenehm war, war der doch überraschend hohe Anteil an spätpubertären Gören ("Closer wird mein Hochzeitslied!" - O-Ton. Ohne Scheiss.), aber vielleicht stand ich auch nur zufällig neben einem Rudel dieser Sorte. Naja, aber sobald das Konzert losging, verschwanden derlei Damen aus meiner Position sowieso recht schnell, was daran lag, dass meine Position vorne in der Mitte war und dort, sobald Trent auf die Bühne kam und mit Somewhat Damaged loslegte, naturgemäß die Hölle los war. Nach Last, Sin und March of the Pigs musste ich mir eingestehen, dass auch ich einen Gang runterschalten würde müssen wenn ich den Abend überleben würde wollen. Also ließ ich mich ein Stück zurückfallen und glücklicherweise kam mir auch Trent entgegen, indem er mit Something I Can Never Have für einen kurzen Waffenstillstand sorgte. Es folgte Ruiner, und dann - ich musste zurück nach vorn - Closer.

Der Erstickungtod hatte mittlerweile mehrmals hefig an die Tür geklopft und ich lebte sozusagen von einem Puster aus der Kilmaanlage zum nächsten, aber es folgten mit Burn und Gave Up sowieso Songs, die bei mir keine besonders intensiven Gefühle auslösten. Dann wurde es langsam wieder spannend: Ein kurzer Chill-Out mit Help Me I Am In Hell, dann eine Steigerung mit Eraser und schließlich Wish und The Big Come Down hintereinander, wow. Vor allem letzteres war wie schon auf der Beside You In Time-DVD (YouTube-Clip) ein klares Highlight.

Weiter gings mit der neuen Single Survivalism, Only und Suck. Na gut, wer's mag. Allerdings war es schon ein verdammt intensiver Moment, als Trent gegen Ende von Suck das Mikro ins Publikum warf und das letzte "I am so dirty on the inside" vor dem finalen Refrain von einem Fan singen ließ. Weiter ging es mit The Day The World Went Away, dank Na-Na-Na-Faktor quasi das Hey Jude der Nine Inch Nails. Direkt danach war ich etwas überrascht, weil ein Lied folgte, das ich nicht kannte; inzwischen weiß ich, es handelte sich um Dead Souls, ein Joy Divison-Cover, dass Trent für den Soundtrack von The Crow aufgenommen hatte.

Schließlich ging es in Richtung Finale: Hurt, The Hand That Feeds und zu guter Letzt Head Like A Hole, von dem ich nicht gedacht hätte, dass es dermaßen rocken würde. Fulminanter Abschluss also einer tollen und sehr intensiven Show. Ein kleiner Wermutstropfen ist, dass mir bewusst geworden ist, dass es ganz schön viele an sich beliebte Nine Inch Nails-Songs gibt, die mich nicht besonders umhauen. Was erfüllte und nicht erfüllte Setlist-Wünsche betrifft: Wish und Closer habe ich mir erwartet, über The Big Come Down habe ich mich sehr gefreut. Schön wären noch gewesen: Terrible Lie, Mr Self Destruct, The Becoming, The Great Below... Naja, man kann eben nicht alles haben, und die Show hatte mit 90 Minuten genau die richtige Länge.

So. Und jetzt bin ich erstmal gespannt, wie das neue Album Year Zero wird, das in ein paar Tagen erscheint.

Setlist, Bilder und Videos des Auftritts

Montag, November 06, 2006

Bernd Begemann im WUK

So oft geh ich ja nicht auf Konzerte, umso geehrter dürfen sich die Herrschaften fühlen, die mir vorspielen dürfen. Gestern war Bernd Begemann im Wiener WUK dran. Kennengelernt habe ich den seit Ende der Siebziger musikalisch aktiven deutschen Liedermacher durch den wöchentlichen Podcast Ohrensessel, in dem er zusammen mit seinen Freunden Ben Schadow und Benjamin Maack sympathische Reviews von Filmen und DVDs macht.

Dass Begemann allgemein kaum jemand kennt ist verwunderlich - liest man doch im Zusammenhang mit ihm immer wieder Phrasen wie "Vater der Hamburger Schule" und "bester Entertainer Deutschlands" (ob diese nun übertrieben sind oder nicht sei dahingestellt). Auf jeden Fall bietet der Mann mitreissende Pop-Melodien, spritzig-ironische Texte und beachtenswerte Entertainer-Qualitäten, was man unter anderem daran merkt, dass das Konzert über drei Stunden dauerte, aber wie im Flug verging - einzig die körperlichen Schmerzen vom Kreuz abwärts waren ein Indiz für die Menge der vergangenen Zeit.

Mit seiner elektrischen Gitarre bewaffnet sang Begemann also eine beachtliche Anzahl an Songs, darunter etwa Ich habe nichts erreicht außer dir, Kelly Family Feeling, Fernsehen mit deiner Schwester, Gib mir eine zwölfte Chance oder die großartige Deutsche Hymne ohne Refrain, die er häufig zu Medleys verband und immer wieder durch kurze Monolge oder Stand-Up-Comedy unterbrach. Einen Teil der Titel sang erzusammen mit seiner Hamburger Kollegin Regy Clasen, die auch einen kurzen Soloteil zum besten geben durfte. Gegen Ende kamen dann vor allem Publikumswünsche dran, die auch zu einem Großteil erfüllt wurden.

Sympathischen, zynischen Humor gab es zuhauf; gerade über Österreich wusste er viel zu sprechen ("Ihr seid eigenartig - alle in Europa denken das!"), besonders über österreichische Literatur. So verglich er die inneren Monologe in seinen Songs mit Leutnant Gustl von Schnitzler ("Googelt das nach, Kids"), erklärte, warum er Elfriede Jelinek nicht mag ("Immer das gleiche! Jaja, die sind schuld, wir wissen schon...") und meinte aphoristisch: "Wenn man zu studieren beginnt, glaubt man, es wird wie in einer US-amerikanischen College-Serie, aber bald merkt man, es ist wie in einem Thomas Bernhard-Roman!" In weiser Voraussicht spottete er sogar über, ähem, öde Weblog-Konzertberichte ("Ich war ja so schlecht drauf, aber dann war ich auf nem Konzert, bla bla bla").

Bleibt mir also nur noch das Posten dieser beiden Links und die Empfehlung, ihnen zu folgen:

Bernd Begemanns Homepage (mit Songs zum Anhören)
Ohrensessel Podcast

Samstag, August 05, 2006

40 Jahre "Revolver"


Heute vor 40 Jahren ist Revolver von den Beatles erschienen - ein Album, das auf dem ständig umkämpften ersten Platz meiner liebsten Beatles-Alben bemerkenswert oft auftaucht (darin nur übertroffen von Abbey Road). (Anm.: Man beachte, wie geschickt ich mich um eine Reihung von Beatles-Alben zu drücken versuche, nur um dann doch eine zu liefern.) Nutzen wir die Gelegenheit doch, um nicht über die historische Bedeutung, die Einflüsse von Drogen oder das Klaus Voormann-Cover zu sprechen, sondern über die Songs – und zwar streng subjektiv.

1. Taxman

Ein geradliniges Rockstück, in dem sich Harrison über die Steuer ärgert. Ob man es glaubt oder nicht, gleich der Opener gefällt mir gar nicht so wahnsinnig. Für mich trotz des witzigen Texts einer der verzichtbareren auf der Platte.

2. Eleanor Rigby

Aber jetzt geht’s los. Was für ein Song. McCartney singt über Einsamkeit, Vergänglichkeit und Tod und wird dabei nicht etwa von den restlichen Beatles, sondern von zwei Streichquartetten begleitet.

Father McKenzie
Wiping the dirt from his hands as he walks from the grave
No one was saved

Unerreicht.

3. I’m Only Sleeping

Für mich als militanten Morgenmuffel sowieso ein perfektes Stück. Fängt großartig die Atmosphäre des morgendlichen Halbschlafes ein und ist in einer ökonomisch bestimmten, hektischen Leistungsgesellschaft wie unserer im Grunde der radikalste Protestsong, den man sich vorstellen kann.

Everybody seems to think I'm lazy
I don't mind, I think they're crazy
Running everywhere at such a speed
Till they find, there's no need

Besonders cool: Die rückwärts abgespielten Gitarren.

4. Love You To

Irgendwie mag kaum jemand, den ich kenne, diese Indischen-Exzess-Songs von Harrison wie diesen hier oder auch Within You Without You auf Sgt. Pepper. Ich finde beide toll und Love You To ist sogar mein Lieblings-Harrison-Song auf dem Album.

5. Here, There And Everywhere

Auch wenn mich die Lennon-Extremisten dafür verabscheuen: Ich find’s großartig (und hey, auch Lennon mochte den Song.) Inspiriert von God Only Knows von den Beach Boys gelingt McCartney wie schon bei Yesterday oder Michelle eine unwiderstehlich schöne Pop-Melodie.

6. Yellow Submarine

Ich kann gar nicht sagen, wie oft ich den Film in meiner Kindheit gesehen habe. (Wer ihn nicht kennt, sofort nachholen.) Dementsprechend groß ist meine Liebe zu diesem einfachen, aber unheimlich charmanten Liedchen. Everyone of us has all we need...

7. She Said She Said

Hier haben wir Psychedelic-Rock der besten Sorte von Lennon, inspiriert von einem Ausspruch Peter Fondas während einer gemeinsamen LSD-Session. Der When I was a boy-Teil wirkt in seiner Deplatziertheit herrlich bizarr.

8. Good Day Sunshine

Auch eher ein Song zum Überspringen. Wahrscheinlich zuviel Lebensfreude für meinen Geschmack.

9. And Your Bird Can Sing

Lennon hat sich später für den Song geschämt, hatte aber wie ich finde keinen Grund dazu. Okay, es ist kein großer Wurf, aber immerhin recht mitreissend.

10. For No One

Genial. Eine der besten McCartney-Kompositionen. Melancholisch, bescheiden, hat Stil.

11. Doctor Robert

Okay, aber auch nicht gerade das Spannendste auf dem Album. Am besten gefällt mir der fies-ironische Well, well, well, you’re feeling fine-Teil.

12. I Want To Tell You

Nicht mein Lieblings-Harrison-Song, aber durchaus kreativ. Das Riff zum Beispiel ist toll.

13. Got To Get You Into My Life

McCartneys Hymne auf Marihuana, aber natürlich funktioniert’s auch auf alles andere angewendet. Tolle Bläser.

14. Tomorrow Never Knows

Die Krönung. Die Melodie dieses experimentellen, meditativen Meisterwerks basiert wie in der indischen Musik nur auf einem einzigen Akkord, der Text ist von Timothy Learys Buch The Psychedelic Experience inspiriert (das wiederum auf das tibetanische Totenbuch zurückgreift) und last but not least kommen die irrsten Studioeffekte zum Einsatz. Lennon sagte in seiner gewohnt konkreten Art zum Produzenten George Martin, er wolle, dass seine Stimme klänge wie die des Dalai Lama, der auf dem höchsten Berggipfel singt, mit tausenden Mönchen, die im Hintergrund mitsingen – was mit Hilfe eines Leslie-Lautrechers recht gut gelungen ist, wie ich meine. Dazu kamen die Bandschleifen, die unter anderem für das „synthetische Möwengeschrei“ und das Chaos aus Trompeten und Gitarren sorgten, das sich durch den ganzen Song zieht. Und nicht vergessen werden darf natürlich Ringo Starrs kongenialer Schlagzeug-Beat. Turn off your mind, relax and float down stream…

Mittwoch, Juli 12, 2006

Thom Yorke: The Eraser


Das neue Radiohead-Album lässt wohl noch einige Zeit auf sich warten, dafür hat Frontman Thom Yorke am Freitag sein erstes Solo-Album The Eraser veröffentlicht, auf dem er seine Vorlieben für elektronische Spielereien mal ohne Einschränkungen ausleben kann. Nach den ersten Hördurchgängen glaube ich sagen zu können, dass ihm ein sehr faszinierendes und interessantes Album gelungen ist, das aber natürlich kein zweites Kid A ist, wie uns offenbar einige Kritiker weismachen wollen. Vielmehr zeigt sich bei dem Album ganz deutlich, das Radiohead nicht Thom Yorke allein ist und wie wichtig das Band-Kollektiv doch für den kreativen Prozess ist. Natürlich, The Eraser ist ein tolles Album, aber die kreative Bandbreite von Kid A oder auch Amnesiac bietet es nicht. Thom Yorke mag ein Genie sein, aber er allein kann uns Radiohead nicht ersetzen - ich finde, das ist durchaus ein beruhigender Gedanke.